Im gespräch

Regierungs-empfehlungen

Der Herbst kommt und mit dem Herbst kommen auch die neuen Regierungsempfehlungen bezüglich Corona. Im Moment sind es nur Empfehlungen: Abstandhalten, Masken tragen, Hände waschen. Aber bald, so die türkis-grüne Regierung, seien strengere Regeln garantiert und auch das wurde zum Ausdruck gebracht: Quarantänesünder, was immer das bedeuten soll, werden hart bestraft werden.

Martin Haditsch wurde 1959 in Graz geboren, studierte Medizin, Biologie und Botanik und wandte sich schnell der Infektiologie und der Tropenmedizin zu. Am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz baute er ab 1991 ein Institut für Tropenmedizin und eine tropenmedizinische Ambulanz auf. Seit vielen Jahren ist er tätiges Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Tropenmedizin. In Leonding bei Linz hat er eine reisemedizinische Praxis und leitet in Hannover ein biologisches Labor. Im Juli 2020 gründete er mit einer Gruppe Gleichgesinnter die Plattform Respekt, die in einem offenen Brief die österreichische Bundesregierung dazu aufforderte, die Gründe für den Lockdown mit all seinen verheerenden Konsequenzen offenzulegen.

Heute im Gespräch hören sie Renata Schmidtkunz mit dem Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie, Infektiologie und Tropenmedizin, Univ.-Prof. DDr. Martin Haditsch.


RS (Renata Schmidtkunz)
: Lieber Herr Doktor, herzlich willkommen! Sie sitzen in Hannover, ich sitze hier im schönen Wiener Funkhaus. Sie sind Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionskrankheiten und sie haben in Leonding bei Linz das sogenannte Travel Med Center Leonding aufgebaut, also ein Zentrum, wo man sich für Reisen in fremde Länder beraten und impfen lassen kann und Sie leiten ein Fachlabor in Hannover, das MVZ Medizinisches Versorgungszentrum, in dem ja auch COVID-19-Tests durchgeführt werden. Ist dieser Test neu in ihrem Leistungsverzeichnis?

MH (Martin Haditsch): Liebe Frau Schmidtkunz, vielen Dank für die Einladung mit Ihnen zu sprechen. Auf ihre Frage hin: Wir haben diesen Test in unser Leistungsverzeichnis übernommen. Wir machen aktuell, bedingt durch die Untersuchung von Reiserückkehrern, bis zu 1.000 PCRs pro Tag und diese Tests entsprechen den Vorgaben, die hier in Deutschland an PCR-Tests gestellt werden. Es handelt sich also um einen zertifizierten Test.

 RS: Sind die Zahlen der Menschen, die sich testen lassen, gestiegen? 

MH: Die Zahlen der Leute, die sich testen lassen, sind dramatisch gestiegen. Insofern habe ich auch Zweifel an der in Deutschland bekanntgegebenen Zunahme an Zahlen, denn, wenn ich mehr teste, finde ich auch mehr. Insgesamt gehe ich davon aus, dass die Zahlen pro Bevölkerung nach wie vor konstant oder eher rückläufig sind.

RS: Da gibt es ja auch unterschiedliche Einstellungen und Meinungen dazu. Gerade zum Beispiel Herr Dr. Allerberger von der AGES Gesundheit in Österreich hat gemeint, er geht von einer Dunkelziffer von 300.000 Menschen aus. Also da kommen wir eigentlich schon mitten in unser Thema rein. Unser Thema heute ist nämlich, wie sehr die Coronakrise und die Coronapandemie einen Riss durch unsere Gesellschaft macht und diese Frage, die eigentlich eine medizinische oder auch eine politische ist, zu fast schon einer Glaubensfrage macht.

Wie lange beschäftigen Sie selbst sich denn mit dem Virus, der im Moment die ganze Welt beschäftigt?

MH: Ich kann mich noch gut erinnern: Dadurch, dass ich über eine internationale Informationsplattform, ProMED-mail, versuche, so gut es geht, am Laufenden zu bleiben in den verschiedensten Bereichen, dass ich mehr oder minder Zeitzeuge geworden bin, dass mit Jahreswechsel 2019/2020 aus der Provinz Hubei in China bekanntgegeben wurde, dass hier eine neue Form einer Pneumonie, einer Lungenentzündung, auftritt. Insofern war ich eigentlich von Anfang an mit dabei und hab mich auch bemüht, so gut es geht, aufgrund der ja zum Teil nicht wirklich belastbaren Daten, mir ein Bild von dieser Erkrankung und insbesondere auch der Ausbreitungskinetik zu machen.

Das, was aus meiner Sicht im Moment sträflich vernachlässigt wird, ist die Kommunikation in die Bevölkerung hinein, dass Infektion ja nicht krank heißt. Wir wissen, dass bis zu 85 Prozent der Infizierten nicht nennenswert erkranken und somit diese Differenzierung oftmals nicht gemacht wird. Insofern ist auch das eine Situation, die ich vorher so noch nie miterlebt habe.

Sonderregelung

Am Anfang der 80er-Jahre, als HIV neu gekommen ist – und damals war ich auch schon in diesem Bereich tätig – nämlich, dass plötzlich eine Sonderregelung für eine Infektionskrankheit getroffen wird, die für alle anderen Infektionskrankheiten so nicht praktiziert wurde und wird, und nicht einmal bei der Influenzapandemie 2009 in dieser Art und Weise gehandhabt wurde, nämlich das massiv auch asymptomatische Leute getestet werden und jeder, der getestet wird und positiv ist, dann als krank geführt wird – was falsch ist. Jeder, der jemals positiv getestet wurde und dann stirbt, steht auf der COVID-19-Todesliste und damit wird eine aus meiner Sicht unseriöse Verzerrung dieses Bildes gemacht, das – und das ist für mich absolut verständlich – die Bevölkerung natürlich in Angst und Schrecken versetzt.

 RS: Herr Dr. Haditsch, im März haben Sie sich via YouTube zum ersten Mal zu Wort gemeldet und die Maßnahmen der österreichischen Bundesregierung, nämlich den Lockdown, heftig kritisiert. Mittlerweile sind Sie gemeinsam mit dem Heidelberger HNO-Arzt Bodo Schiffmann und dem Allgemeinmediziner Heiko Schöning aus Hamburg einer der drei Sprecher des Außerparlamentarischen Corona-Untersuchungsausschusses. Außerdem sind Sie in Kontakt mit der im April 2020 gegründeten Mitmachpartei Widerstand2020 – die unter anderem auch am 1. August die große Demonstration in Berlin mitinitiiert hat – und Sie haben gemeinsam mit anderen eine politische Plattform gegründet, die sich Respekt nennt und die sich das Ziel steckt, die Entscheidungen und die Vorgänge rund um Corona transparent zu machen und auch die Kollateralschäden, die durch die Maßnahmen entstanden sind, zu benennen.

Was ist denn passiert, Herr Dr. Haditsch, in ihrem Leben, dass ein Infektiologe aus Leonding und Hannover nun plötzlich so massiv politisch werden musste, weil er es anders nicht mehr ausgehalten hat?

MH: Warum ich so agiere, verdanke ich großteils meiner Erziehung. Ich verdanke es auch meiner Berufsauffassung und ich denke mir, es ist ganz wichtig, dass man nicht nur Mediziner, sondern auch Arzt ist. Und damit verstehe ich auch, dass man mit Empathie und Umsicht mit Dingen umgeht. Infektionskrankheiten hatten wir immer, haben wir aktuell auch, zusätzlich zu den SARS-CoV2-Infektionen, und werden wir auch in Zukunft immer haben. Und unsere Sorge sollte eigentlich in möglichst fairer Art und Weise allen Teilen der Bevölkerung gelten, was aber im Moment nicht passiert.

SARS-CoV2 wurde schon relativ frühzeitig zu einem, wenn man so sagen möchte, Killerargument gemacht. Es wird alles dieser Fragestellung untergeordnet und dazu kam noch eine offensichtlich sehr einseitige Interpretation des Infektionsgeschehens und das unter Ausgrenzung von Leuten, die sich kritisch dazu geäußert haben, was einzigartig ist. Es ist verunmöglicht worden, diese Thematik seriös im Kollegenkreis zu diskutieren, weil – wie Sie schon eingangs gesagt haben – es fast zu einer Glaubensfrage geworden oder hochstilisiert worden ist, was dann auch eine starke emotionale Komponente enthält und eine sachliche Diskussion in weiten Bereichen fast verunmöglicht. Die Plattform Respekt, die wir in Österreich begründet haben, ist eine Plattform, die sich zur Aufgabe gemacht hat, Grundwerte, die eigentlich in einem Land wie Österreich selbstverständlich sein sollten, wieder zu beleben, weil sie durch das aktuelle politische Wirken eigentlich in weiten Bereichen vernichtet worden sind.

Ich erwähne nur ein Beispiel: Das erste E in Respekt steht ja für Ehrlichkeit. Und dann folgt man Anhörungen von Politikern, die plötzlich Gedächtnislücken aufweisen oder vorgeben, die bei anderen Leuten, für mich als Arzt, Anlass zur Sorge geben würden. Wenn sich jemand nach einem Jahr an wesentliche Dinge nicht erinnern kann, dann ist das eigentlich ein medizinischer Tatbestand.

RS: Also ich fasse das zusammen, Herr Dr. Haditsch. Sie sagen, Sie sind so politisch geworden – und jetzt meinen wir nicht parteipolitisch, sondern wir meinen den Bürger, der politisch wird, der sich ins politische Geschehen, in das Geschehen des Staates einmischt –, Sie sind so politisch geworden, weil Sie als Arzt das Gefühl haben, hier ist ihre Ethik gefragt und ihre Haltung gegenüber den Menschen, ja?

MH: Absolut richtig. Ich meine, es ist ein sehr ernstes Thema, aber es war für mich irgendwie fast amüsant festzustellen, dass ich in irgendeiner Art und Weise da ja fast eine prophetische Gabe gehabt habe, weil ich für die Oberösterreichische Ärztekammer, die seit ungefähr sechs oder sieben Jahren einen Kurs zum Thema Ethik abhält, den Bereich übernommen habe. Seither unterrichte ich einen 5-Stunden-Block, der den Titel trägt: “Pandemie und Ethik” und plötzlich sind wir da mittendrin. Insofern möchte ich sagen, ich bin jetzt nicht der fundierteste Ethiker – das würde ich mir niemals anmaßen –, aber ich habe eine ungefähre Ahnung, was man hier mitberücksichtigen müsste. Ein Grundprinzip der Ethik ist die Autonomie und die wird beispielsweise im Moment mit Füßen getreten.

ORF kritisiert

RS: Die Plattform Respekt, die von vielen Menschen getragen wird, da sind nicht nur Mediziner und Medizinerinnen, sondern auch Politologen, Schriftsteller, Journalisten, also ein breites Spektrum an Menschen vertreten; diese Plattform hat einen offenen Brief an die Bundesregierung geschrieben, namentlich an vier Mitglieder der Bundesregierung, in dem unter anderem auch zu lesen ist, dass vielen Expertinnen und Experten bereits sehr bald klar war, dass der totale Lockdown zu keinem Zeitpunkt notwendig oder gerechtfertigt warund die Regierung wird von Ihnen aufgefordert in einen offenen und vor allem angstfreien Diskurs mit der Bevölkerung zu treten. Haben Sie denn auf diesen Brief jemals eine Antwort bekommen?

MH: Die Plattform Respekt hat einen – man muss aber ehrlicherweise sagen: eher aus Worthülsen bestehenden – Antwortbrief aus dem Innenministerium bekommen. Ansonsten gibt es bisher noch keine Antwort. In diesem Brief passiert das, was bei kritischem Nachfragen relativ gerne gemacht wird, nämlich, dass man die eigene Zuständigkeit in Frage stellt und eher auf die Zuständigkeit anderer Institutionen verweist.

RS: Ich habe den Eindruck gewonnen, Herr Dr. Haditsch, und ich habe Sie jetzt seit März medial verfolgt, dass Sie sich sehr engagieren, vor allem für diesen offenen Diskurs, vor allem auch in der Frage, wie geht denn die Öffentlichkeit oder der gesteuerte öffentliche Diskurs mit Daten und Fakten um? Wie wird das denn ausgelegt, inwieweit traut man es auch den Bürgerinnen und Bürgern zu, sich selbst eine Meinung zu bilden? So wie umgegangen wurde zu manchen Zeiten dieser Krise, hatte man den Eindruck, man traut es ihnen nicht zu.

Sie haben vor ein paar Tagen bei einer Pressekonferenz des Außerparlamentarischen Corona-Untersuchungsausschusses auch den ORF sehr heftig kritisiert und Sie sind sogar so weit gegangen zu sagen, dass die ORF-Gebühren nicht berechtigt seien, wenn nicht in Offenheit über diese ganze Frage von Corona diskutiert wird. Wir zwei haben schon vor Wochen beschlossen, dass wir diese Sendung machen und ich war etwas überrascht, dass Sie so pauschal dieses Urteil abgeben und damit eigentlich auch Menschen in ihrer Rede zumindest unterstützen, die aus politischen Gründen sagen: “Weg mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk”

Ist diese heftige Kritik das Ergebnis einer so starken Verärgerung und einer Sorge über diese Situation, die Ihrer Meinung nach nicht richtig gemanagt wird oder wie soll ich das verstehen, dass sie den ORF so attackiert haben?

MH: Frau Schmidtkunz, Sie sind die erste und aus meiner Sicht sehr erfreuliche und löbliche Ausnahme, wo offensichtlich, für den Fall, dass das auch wirklich gesendet wird, einmal jemand zu Wort kommt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der eine kritische Position vertritt. Es ist so, dass, wenn Sie das letzte halbe Jahr Revue passieren lassen und betrachten, wer, wann, wie und wo im öffentlich-rechtlichen Rundfunk reden konnte oder eingeladen wurde, es durch die Bank Personen waren, die die Meinung der Bundesregierung gutheißen.

Der einzige Sender, der davon abgewichen ist, war Servus-TV und einige lokale Radiosender, aber ansonsten war hier vom ORF keine Bereitschaft in den Diskurs zu gehen und damit wurde aus meiner Sicht die Vorgabe einer neutralen und sachorientierten Berichterstattung nicht erfüllt. Das Gleiche gilt auch für Deutschland.

Ich habe durchaus immer mit Überzeugung meine Rundfunkgebühren entrichtet, weil ich mir gedacht habe, in einem Land, in dem es Pressefreiheit gibt, muss es einem auch etwas Wert sein. Deswegen verstehe ich, wenn keine Sponsorengelder in dem Maß fließen, wie im Privatfunk, dass die Bürger aufgefordert werden, diese Unabhängigkeit, diese Neutralität, diese Seriosität und Sachlichkeit finanziell zu unterstützen. Und dann wurde mir klar, dass das so nicht funktioniert, und es ist ja mittlerweile schon ein ziemlich offenes Geheimnis, dass beispielsweise das Bundeskanzleramt mehrere Dutzend Leute beschäftigt, die die Aufgabe haben, die Linientreue der berichtenden Medien zu kontrollieren.

Ich habe auch mit ORF-Redakteuren gesprochen (deren Namen ich jetzt natürlich nicht nennen kann, weil das ist ja dann eine existenzielle Frage), die mir auf meine Frage hin geantwortet haben: “Ich kann das / ich darf das im Moment nicht senden.” Ähnliches kam auch aus manchen Printmedien.

Wissen Sie, das ist schon etwas, was einen im tiefsten Vertrauen erschüttert, weil wir in Österreich immer so etwas wie der Wachturm der Pressefreiheit waren, wir sind bei den Befragungen und bei den internationalen Vergleichen immer im Spitzenfeld gelegen. Ich bin schon gespannt, wie das Urteil im nächsten Jahr ausfallen wird hinsichtlich der Pressefreiheit in Österreich, auch im Kontext mit Corona. Da, denke ich, werden diese Parameter schon auch zu berücksichtigen sein, wenn es dann dazu kommt, dass hier ein Urteil zu fällen ist.

Dramatische Entscheidung

RS: Ich wollte nur darauf hinweisen, dass ich ja auch ORF bin und es hat natürlich ganz viele kritische Sendungen gegeben. Vielleicht haben Sie die nicht alle gehört, aber ich muss hier ein bisschen um die Ehre meines geliebten ORFs rittern, das verstehen Sie sicherlich. Ich verstehe aber auch Ihr Anliegen und es gibt nun viele Leute, die sagen: ”Ja, es gibt viele sinnlose Maßnahmen, vieles ist auch nicht richtig gelaufen, aber am Anfang wussten wir eben nichts über dieses Virus und deswegen sind manche Sachen gemacht worden, die man halt gemacht hat, weil man nichts wusste und kein Risiko eingehen wollte.”

Kann denn die Meinungs- und Medienfreiheit jemals Gegenstand so einer Einschränkung aus Angst vor Unwissenheit sein?

MH: Damit implizieren Sie, dass es zum Zeitpunkt, als die dramatischen Entscheidungen getroffen worden sind, noch Unwissenheit gegeben hat und dem widerspreche ich. Wir hatten einen Wissensvorsprung zu dem Zeitpunkt, als das für Österreich schlagend geworden ist, aus zahlreichen Daten – wie vertrauenswürdig die auch immer sein mögen – aus anderen Ländern, die bereits existiert haben, und schon damals war eine selektive Wahrnehmung festzustellen.

Es gibt von mir ein Interview mit den Oberösterreichischen Nachrichten, abgedruckt am 20.02., wo ich mich bereits kritisch geäußert habe. Also mir darf man nicht vorwerfen: “Nachher sind alle gescheiter”, sondern da gab es bereits ein Statement, weil infektions- epidemiologisch gewisse Dinge zu diesem Zeitpunkt bereits absehbar waren. Wenn Sie betrachten, wie die Reaktion in Österreich war, wo zuerst großteils – ich würde jetzt nicht sagen – Ignoranz, aber die Dringlichkeit der Situation sich vorzubereiten nicht entsprechend wahrgenommen wurde, wo bis ins späte Frühjahr hinein die eigentlich Schutzbedürftigen, nämlich Leute, die in Altersheimen und so weiter sind, nicht adäquat geschützt worden sind, was zweifellos zu einer erhöhten Sterblichkeit auch beigetragen hat, …

RS: … darf ich da kurz unterbrechen: “… nicht geschützt worden sind …” – heißt das, man hätte wissen müssen, dass man die alten Menschen nicht in den Altersheimen zusammenpackt, wo sie sich gegenseitig anstecken, sondern dass man sie da rausnimmt oder was wäre die richtige Lösung gewesen?

MH: Nein, sondern die Frage ist, den Viruseintrag in diese Institution möglichst zu reduzieren durch entsprechende Hygienevorgaben. In Schweden war ja das gleiche Phänomen, aber im Unterschied zu Österreich hat sich der Chef-Epidemiologe Tegnell für dieses Verfehlen entschuldigt, weil es da schon klar war, was wir schon seit Jänner aus den rudimentären Daten in China wissen, dass alte Leute und Leute mit Grunderkrankungen besonders gefährdet sind, schwer zu erkranken und auch daran zu sterben. Aber das ist nicht entsprechend wahrgenommen worden.

 

Vielleicht gestatten Sie mir trotzdem noch ganz kurz zu erzählen, weil es in Oberösterreich Aufregung gegeben hat Anfang August, was eigentlich der Grund für meinen sehr, sehr kritischen Brief an den ORF war. Wissen Sie, wenn es irgendein Pimperlsender ist, wo 5.000 Leute zuhören, dann kann man von den Leuten vielleicht auch nicht verlangen, dass sie eine solide Recherche machen und dass hier Daten präsentiert werden, die bis in die letzte Instanz hinein als seriös zu klassifizieren sind. Aber genau das ist meine Kritik. Ich habe zum Beispiel auch darauf vom ORF noch keine Reaktion bekommen.

Es wurden Daten im ORF publiziert, die auf der Homepage nachlesbar waren, dass manche Maßnahmen in Oberösterreich deswegen wieder notwendig sind, weil die Fallzahlen gestiegen sind und das war das Argument.

Diese Fallzahlen bezogen sich auf ein 11-Tages-Intervall und es wurden verglichen, es war ein Anstieg – nageln’s mich jetzt nicht genau auf die Zahl fest, aber von 1.150 oder sowas – auf 1.335 Leute. Zwei Tabellen darunter war dann – und das ist ja auch korrekt – die Zahl der durchgeführten Tests. Aber es war nicht miteingerechnet. Und wenn Sie die Zahl der durchgeführten Tests nehmen und das gegenüberstellen, stellt man fest, dass die Positivitätsrate von knapp 1,4 Prozent auf 1,1 Prozent gefallen war!

Das ist das, was ich kritisiere: Es werden hier Daten in einer Art und Weise präsentiert, in erster Linie in Absolutzahlen – und das ist ja das, was auch jetzt passiert mit Reiseheimkehren – und man daher unterstellen muss, dass damit auch Stimmung gemacht wird. Die Hauptstimmung, die derzeit die österreichische Bevölkerung in dem Kontext trifft – und das merke ich auch in vielen persönlichen Gesprächen – ist Angst, ist Sorge und das sind Stimmungen, die wenig produktiv sind und die sich auf alles auswirken: Auf das Sozialleben, auf das Familienleben, aber auch auf die Wirtschaft. Wenn ich keine Planungssicherheit habe, weil ich immer damit rechnen muss, dass mir mein Laden wieder zugedreht wird, wenn wieder Maßnahmen getroffen werden, die ein Fortführen meiner Tätigkeit nicht gestatten, dann investiere ich doch primär gar nicht.

RS: Erstens nehme ich jetzt mal die Kritik gegen den ORF entgegen und verteidige gleichzeitig meine Kolleginnen und Kollegen. Aber ich denke in einer Demokratie ist die Kritik auch ein ganz, ganz wesentliches Instrument, um transparent und klar zu bleiben. In dieser Hinsicht nehme ich die Kritik entgegen.

Sie sind aber nicht der einzige Mediziner in Österreich, der Kritik geübt hat. Unter anderem hat zum Beispiel auch der Arzt und Public-Health-Experte Martin Sprenger sehr heftige Kritik geübt. Am 30. Juni erschien sein Buch “Das Coronarätsel – Tagebuch einer Pandemie”. Das liest sich wie ein Krimi. Sprenger kritisiert in erster Linie die Kommunikationsstrategie der Bundesregierung.

Ein Beispiel gebe ich noch: Schon am 14. März hat der Leiter der bundeseigenen AGES-Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, Univ.-Prof. Dr. Franz Allerberger, allen Mitgliedern der Taskforce empfohlen, von der veröffentlichten Botschaft “ganz gefährliches Virus” wegzukommen.

Experten nicht gehört

Man gewinnt den Eindruck gerade in den ersten Wochen wurden Expertinnen und Experten nicht gehört oder vielleicht jetzt immer noch nicht. Was könnte denn der Grund sein, Herr Dr. Haditsch?

MH: Diese Frage muss man an die Leute stellen, die, wie ich finde, nach wie vor eine nicht angemessene Handhabung der vorliegenden Daten praktizieren. Ich kenne Prof. Allerberger gut und es wundert mich auch nicht, dass er damals diese Einschätzung abgegeben hat, weil er ein zutiefst seriöser und faktenorientierter Mensch ist. Ich kenne auch andere Leute, die im Beratergremium der Bundesregierung sitzen und wahrscheinlich auch differenzierte Meinungen haben. Martin Sprenger hat den Beraterstab verlassen zumindest damals wurde es so publiziert, um seine private und wissenschaftliche Unabhängigkeit wieder zu erlangen. Ich meine, das sagt doch alles.

Ich glaube, es war auf Servus-TV, wo der Bundeskanzler gesagt hat: “Ja, es gab im Beraterstab unterschiedliche Meinungen und es gab auch Diskussionen”, aber letzten Endes trägt er die Verantwortung und er entscheidet.

Ich persönlich denke, dass im Moment viele Entscheidungen getroffen werden, die noch vor einem halben, dreiviertel Jahr undenkbar gewesen wären. Es wird hier nach wie vor in dieser unsäglichen Art und Weise das Ganze vorangetrieben. Wenn Sie auf die Inzidenzen gehen, das heißt auf die Neuinfektionsrate pro Bevölkerung, ist es im Moment eine Risikozunahme, wenn sie von Kroatien nach Österreich einreisen, wenn wir die Daten als seriös nehmen; aber das Gegenteil wird gesagt, denn Österreich spricht eine Reisewarnung für Kroatien aus.

Dieses Paradoxon lässt sich anhand ganz konkret nachvollziehbarer Zahlen prüfen und insofern muss man einfach auch sagen, es geht hier nicht um Meinungen und es ist nicht der Haditsch, der die Zahlen so und anders interpretiert, sondern ich erwarte einfach, dass hier seriös mit Zahlen umgegangen wird.

Ich habe bereits im März dafür plädiert, dass Infektionszahlen einmal als “Infektionen” bezeichnet werden oder als “positive Testergebnisse”, aber nicht als “Krankheitsfälle” und dass sie immer im Kontext mit der durchgeführten Testzahl gesetzt werden. 

Ja – es werden Testzahlen publiziert, ja – es werden Fallzahlen publiziert und irgendwo stehen dann auch die Zahlen der Leute, die in Spitälern sind oder die auf Intensivstationen liegen. Aber das muss man sich großteils zusammensuchen und diese Mühe macht sich natürlich der Großteil der Bevölkerung in Österreich nicht.

 

Die Schlagzeilen werden eindeutig durch sogenannte “Fallzahlen” beherrscht, das heißt diese Schwankungen, die darin liegen, werden von der Bevölkerung als Zunahme oder Abnahme interpretiert und das ist schlicht und einfach falsch.

Gesundheitskatastrophe?

RS: Es gibt den Begriff der Gesundheitskompetenz. Gesundheitskompetenz verknüpft die allgemeine Bildung, die ein Mensch hat, mit dem Wissen über zum Beispiel medizinische Fragestellungen. Man sagt ein Mensch ist gesundheitskompetent, wenn er die Fähigkeit hat, die relevanten Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, sie zu beurteilen und sie in seinem Alltag anzuwenden. Sind Sie denn der Meinung, Herr Dr. Haditsch, dass diese Gesundheitskompetenz der Österreicher nicht ausgeprägt genug ist oder wurde sie sogar gar nicht in Betracht gezogen in den letzten Monaten?

MH: Frau Schmidtkunz, wir stehen hier – und da beißt sich der Hund in den Schwanz – wir stehen vor dem Phänomen, dass die Bevölkerung all diese Einschätzungen nur auf Basis des Wissens, das ihr vermittelt wird, treffen kann und das Wissen, das ihr vermittelt wurde, ist einseitig, sachlich nicht begründbar, nicht ausgewogen.

Ich meine, Sie wissen doch, welche Reichweite der ORF hat. Für mich war es selbst in Deutschland mehr oder minder immer der Wunsch mir zumindest auf 3-Sat die Zeit-im-Bild-2 anzuschauen, aber ich habe mir das völlig abgewöhnt, weil schlicht und einfach immer die gleichen Messages kommen und das Ziel dieser Messages für mich jetzt nicht absehbar ist, wohl aber der Effekt. Und der Effekt ist Einschüchterung und Angst.

Das, was dargestellt wird, beeinträchtigt natürlich auch die Gesundheitskompetenz – und das nicht nur des durchschnittlichen Österreichers, sondern auch die Kompetenz von mir und meinen Kollegen. Ich möchte daraus ja niemandem einen Vorwurf machen, aber Faktum ist, dass in diesen Chor der Tragödie, der Katastrophe und der Ausnahmesituation mit voller Überzeugung auch viele Kollegen einstimmen, weil sie nur diese Daten bekommen und vielleicht auch aufgrund ihrer sonstigen beruflichen Auslastung gar nicht die Möglichkeit haben, eine kritische Analyse zu machen, sondern sich auf das verlassen, was ihnen berichtet wird.

Für mich ist es ja fast ernüchternd festzustellen, dass es viele Leute gibt, auch aus dem medizinischen Kreis, die nach wie vor die Überzeugung haben, dass wir es hier mit einer Gesundheitskatastrophe zu tun haben. Wir kennen mittlerweile die Berechnungen grob gesagt global und insbesondere auch für Länder mit einem hervorragenden Gesundheitssystem wie Österreich, wo wir wissen, dass die Tödlichkeit dieser Erkrankung ungefähr zwischen 0.16 und 0.6 Prozent liegt. Damit liegen wir im Bereich einer schweren Influenza mit 0.6, mit 0.16 im Bereich einer leichten Influenza und es wurde mit einer Influenza noch nie in dieser Art und Weise umgegangen und es hat noch nie die Intention gegeben, Maßnahmen, wie sie derzeit laufen, anlässlich einer saisonalen Influenza zu machen. Ja nicht einmal im Zusammenhang mit einer Pandemie und das ist für mich das Erschütternde.

RS: Sie sind sehr aktiv, Herr Dr. Haditsch. Ich gebe mal ein aktuelles Beispiel, es ist auch ein Beispiel über politische Mechanismen, die Sie versuchen in Ihren Aktivitäten anzugehen: Im August haben Sie sich getroffen, um mit einem Kreis von anderen Expertinnen und Experten, unter anderem mit Sucharit Bhakdi, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie. Er ist emeritierter Professor der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainzund war – und das muss man jetzt betonen – von 1991 bis 2012 Leiter des dortigen Instituts für medizinische Mikrobiologie und Hygiene. Also es sieht fast so aus, als wäre er wirklich ein Experte, sage ich jetzt so ein bisschen übertrieben, also Sie waren mit dieser hochqualifizierten Expertenrunde beim sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und haben dort erlebt, dass Kretschmer zwar zugehört hat, aber Sie sagen – oder vielleicht sagt das ein anderer Teilnehmer der Runde, das weiß ich jetzt nicht mehr; das Video findet man im Internet: “Der ist ja richtig vor uns geflohen.” Also Politiker, die vor den Argumenten der Experten fliehen, was sagt uns das?

MH: Erstens ist Sucharit Bhakdi eine einzigartige Persönlichkeit und ich bin wirklich stolz darauf und dankbar ihn jetzt zu meinen Bekannten zählen zu dürfen. Er prägt die Szene und er war auch während seiner aktiven Zeit an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainzeine Ausnahmeerscheinung. Er ist hervorragend und ich habe Gespräche zwischen ihm und verschiedenen Leuten beobachtet und durfte dabei sein. Er ist aus dem Königsstaat Thailand weggegangen – er ist ja geborener Thailänder –, weil er bewusst in ein Land wollte, das demokratisch ist. Und er ist jetzt zutiefst erschüttert über die Entwicklungen, die sich in vielen mitteleuropäischen Ländern abspielen, wo auf der Basis von einfachen Gesetzen – und das wird die Zukunft noch zu klären haben, ob das überhaupt rechtmäßig ist – verfassungsmäßige Gesetze ausgehebelt werden und die Demokratie damit in weiten Bereichen außer Kraft gesetzt wird.

Ich weiß nicht, ob das den Leuten in diesem Umfang bewusst ist, weil die Leute natürlich im Moment in erster Linie mit dem Thema COVID-19, SARS-CoV2, Pandemie, Regelungen und Maskenpflicht usw. dermaßen beschäftigt werden, dass wahrscheinlich eine kritische Auseinandersetzung hinsichtlich der Rechtmäßigkeit dieser Anordnungen in Frage steht.

Zu Ihrer eigentlichen Frage: Es war Prof. Homburg, der Finanzexperte, der lustigerweise an der Hochschule in Hannover seinen Lehrstuhl hat und der auch einmal Finanzberater der deutschen Bundeskanzlerin Merkel war, der diese Bemerkung in der Nachlese zu unserem Treffen mit dem Ministerpräsidenten Kretschmer gemacht hat. Es war nicht Kretschmer selber, der fluchtartig die Runde verlassen hat, ganz im Gegenteil, Kretschmer war sehr aufmerksam und man hatte den Eindruck, es ist ihm auch ein Anliegen in diese Runde zu kommen, sondern es war sein medizinischer Berater, der sich dann nicht mehr der Diskussion stellen wollte. Es soll jetzt bitte nicht falsch rüberkommen: Ich bin der Letzte, der Politiker verteidigt oder der auch Ärzte verteidigt, die diese zum Teil unangemessenen Reaktionen produzieren. Ich entschuldige es nicht, aber ich verstehe es, dass Leute unter Druck stehen und unter diesem Druck gewisse Entscheidungen entweder treffen oder auch umsetzen müssen. Die Entscheidung werden zum Teil ja auch woanders getroffen.

Meine Hoffnung besteht darin, dass man über sachliche Information irgendwann einmal, wie ich das bezeichne, den Kipppunkt schafft, dass die öffentliche Meinung, auch die Meinung in der Kollegenschaft und unter den Politikern sich anderen Annäherungsweisen öffnet, dass man Verständnis dafür bekommt und vielleicht irgendwann feststellt, dass viele der Dinge, die hier produziert wurden, eigentlich nicht den Tatsachen entsprechen und dass man in verschiedenen Funktionen instrumentalisiert worden ist unter der Vorgabe rein fiktiver Horrorszenarien.

Das muss man einfach ehrlich sagen, auch in der Retrospektive: Wir waren in einem hervorragenden Gesundheitssystem, wie es Österreich hat, niemals auch nur andeutungsweise an der Grenze der Kapazität der Versorgung der Bevölkerung. Aber das war eigentlich das einzige vertretbare Ziel, dass vielleicht am Anfang die eine oder andere Maßnahme gerechtfertigt hat. Allein schon durch die Absage von Großveranstaltungen war die am Anfang noch nicht absehbare Entwicklung in einem Maß gestoppt, dass klar war: Wir werden nie in diese Extremsituation kommen. Von der Seite her hätte man schon damals alles andere wieder lockern bzw. aufgeben können.

Todeszahlen

RS: Sie haben jetzt gerade die Länder der Welt und die Todeszahlen angesprochen, die aus den Ländern der Welt kommen, Herr Dr. Haditsch. Da wundert man sich manchmal, dass die Todeszahlen in Brasilien – ein Land, das völlig andere soziale und vor allem medizinisch soziale Strukturen hat als Österreich – in Österreich als Argument verwendet werden, um das Horrorszenario wieder zu befeuern. Bei den Todeszahlen aus Großbritannien sagt man: “Der Johnson, der hat sich nicht darum gekümmert und deswegen sind dort so viele Menschen gestorben.”

Dieses Einsetzen von Todeszahlen aus ganz anders gearteten Ländern, was hat das für eine Funktion? Warum macht man sowas? Denn jeder Politiker in Österreich weiß, dass das österreichische Gesundheitssystem anders ausschaut als das in Brasilien …

MH: Bei den Berichten über Todeszahlen hat man den Eindruck, dass es fast ein Wettbewerb des Horrors ist. Je höher die Todeszahlen sind, umso eher gelingt es Maßnahmen mit fragwürdiger Indikation letzten Endes auch durchzusetzen. Ich denke mir, das könnte schon eines der Motive sein.

Ich habe auch nie verstanden, warum es den aus meiner Sicht massiv diskriminierenden Ausdruck der sogenannten “italienischen Verhältnisse” gegeben hat. Süditalien hat kein Problem gehabt, wieso spricht man dann von “italienischen Verhältnissen”? Es waren Verhältnisse in ganz bestimmten Regionen Norditaliens, wo mehrere problematische Szenarien zusammengekommen sind: Einerseits die alte Bevölkerung, andererseits der mehrfache Eintrag bedingt durch zum Teil Gastarbeiter aus China – das heißt, es hat das Feuer an mehreren Stellen zu brennen begonnen: Die extrem schlechte Gesundheitsversorgung, die das italienische Gesundheitssystem schon seit langer Zeit begleitet – es hat in der Vergangenheit auch bei Influenzaausbrüchen schon Überforderungen dieses Gesundheitssystems gegeben – und dann natürlich auch noch die Vernachlässigung der Risikogruppen, nämlich insbesondere der genannten alten Leute und der Personen mit Grundkrankheiten. Was vielleicht auch nicht wirklich evident ist, ist, dass diese Personengruppe auch dadurch noch besonders betroffen war, dass Pflegekräfte, die insbesondere aus Osteuropa gestammt haben, in Erwartung einer Grenzsperre fluchtartig das Land verlassen haben und diese Leute unbetreut zurückgelassen haben. Das sind mehrere Punkte, die zusammenkommen und ich verstehe bis heute nicht, wieso Österreich mit dem weltweit wahrscheinlich besten Gesundheitssystem – wir gehören sicher zu den besten fünf Ländern oder so – warum wir diese Vergleiche gemacht haben.

Es gibt Datenbankvergleiche, zB: Wie sieht es aus mit Intensivbetten hochgerechnet auf die Bevölkerung im Vergleich zB: zur Schweiz? Die Schweiz hat weniger als die Hälfte der österreichischen Intensivbetten. Das Gleiche gilt für Schweden, die Niederlande, also Länder, wo wir sagen, das sind westeuropäische Industrieländer mit einem sehr hohen Standard. Aber selbst da sind wir noch on top und das wurde aus meiner Sicht so nicht dargestellt.

Es ist letzten Endes auch so – und das kann man ja auch nachprüfen – dass schwerkranke Patienten immer wieder als Element eingesetzt wurden. Ich weiß nicht, ob es bekannt ist, dass beispielsweise das Entschädigungssystem, das Bezahlungssystem in öffentlichen amerikanischen Kliniken unter anderem davon abhängig ist, ob ein Patient auf der Intensivstation beatmet wird oder nicht. Für einen beatmeten Patienten gibt es mehr Geld und das ist ein Faktum.

Das andere Faktum ist: Beatmung, zumindest in der ursprünglichen einfachen Form einer maschinellen Beatmung bei COVID-19-Patienten steigert die Tödlichkeit. Das heißt, man versucht, wo immer es geht, heute nicht in klassischer Art und Weise maschinell überdruckbeatmen zu müssen. Da sieht man schon, dass hier wahrscheinlich – und mag es auch nur Unwissenheit gewesen sein – sowohl in Italien als auch in den USA mehr Leute maschinell beatmet wurden als in Österreich, was natürlich auch wieder eine Erklärung ist für eine erhöhte Tödlichkeit bei diesem Patientenklientel.

Atmungssyndrom

RS: SARS heißt “severe respiratoral disease”, also “starkes akutes Atmungssyndrom” und die Folge davon ist dann COVID-19, diese Atemwegserkrankung, die sehr schmerzhaft sein kann, die sehr lange dauern kann und die im schlimmsten Fall auch zum Tod führen kann. Was man von dieser Krankheit sagt, ist, dass sie uns zeigt, Herr Dr. Haditsch, wie ungleich die Welt geworden ist, wie groß die Abstände zwischen arm und reich geworden sind und wie wichtig es wäre, gerade in Demokratien, aber auch in allen anderen Ländern, wieder mehr Geld in die öffentlichen Gesundheitssysteme zurückzubringen. Denn, was wir ja auch bestätigen können, ist, dass in den letzten mindestens 20 Jahren die öffentlichen Gesundheitssysteme trockengelegt wurden, dass man Geld dort abgezogen hat, dass der sogenannte medizinische Markt privatisiert wurde in vielen Bereichen und dass diese öffentliche Aufgabe, die sich Demokratien aus gutem Grunde ja von Anfang an gesetzt haben – nämlich der Bevölkerung nicht nur Bildung zu geben, sondern eben auch Gesundheit und Perspektiven für das Leben –, dass das gestärkt werden müsste. Die österreichische Ärztekammer plakatiert nun in Wien: “Machen wir unsere Krankenhäuser fit für die Krise.” Das heißt, dieser Virus hat uns gezeigt, wie labil unsere Gesellschaften sind, wenn wir nicht Rücksicht nehmen auf das schwächste Glied in der Kette.

MH: Ja, es ist natürlich ein sehr komplexes Themengebiet. Ich bin kein Gesundheitsökonom. Ich weiß, dass Österreich eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt hat und dass es wahrscheinlich durchaus ohne nennenswerte Qualitätseinbußen auch Möglichkeiten gäbe kostenmindernd einzuwirken. Es hat wahrscheinlich auch mit einer Verteilung der Gelder zu tun und es hat auch damit zu tun, dass wir – ich würde fast sagen – einen Dokumentationswahn entwickelt haben, wo viel Geld in die Bürokratie hineinfließt und natürlich auch – und ich möchte das per se jetzt nicht schlecht reden – eine enorme Absicherungsmedizin, um nicht im Anlassfall geklagt zu werden. Das heißt, es wird sicherlich auch ein guter Teil der Untersuchungen gemacht, um sich rechtlich den Rücken freizuhalten und nicht, weil diese Untersuchung bei einem Patienten unverzichtbar wäre. Das sind auch Faktoren, die man mitberücksichtigen müsste.

Aber wenn wir dieses Thema im Kontext mit der aktuellen Pandemie diskutieren, dann würde ich um Ihr Verständnis ersuchen, dass es nicht nur so monofokal diskutiert werden kann. Wissen Sie, Geld in ein Gesundheitssystem zu führen, auch in anderen Ländern, mag zwar eine ganz, ganz wichtige Maßnahme sein und ich bin bei Ihnen: selbstverständlich sollten wir auch im Sinne eines One-World-One-Health-Gedankens versuchen, Länder zu unterstützen, wo das noch nicht ideal funktioniert.

Was ich aber als besonders problematisch empfinde, ist, wenn dann noch im Sinn einer Vorgabe und daraus resultierend auch der Nachahmungstendenz in verschiedenen Ländern Maßnahmen gesetzt werden, wie anlässlich jetzt auch von COVID-19, die einen gigantischen Kollateralschaden machen.

In Indien verhungern jetzt wahrscheinlich hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen und von der Seite her ist es aus meiner Sicht mehr oder minder eine Akutmaßnahme, dass wir uns bewusst werden müssen, dass wir ja noch in einem massiv sozial abgefederten System sind, aber sich global im Moment ganz andere Tragödien abspielen und der Kollateralschaden bei Weitem das übertrifft, was SARS-CoV2 selbst oder COVID-19 verursacht.

 

RS: Herr Dr. Haditsch, wird man sich in Zukunft in der öffentlichen Aufarbeitung mehr konzentrieren müssen auf diese Kollateralschäden, auf die zunehmende Armut, die durch diese Maßnahmen, die gesetzt wurden und immer noch gesetzt werden, ausgebrochen ist durch die zunehmende Ungleichheit, dass man sich darauf konzentriert, die gesellschaftlichen Folgen, die soziologischen Fragestellungen zu betrachten?

MH: Die Zukunft ist jetzt, Frau Schmidtkunz. Es geht nicht um zukünftige Pandemien. Für diese Fragestellung der Kollateralschäden müssen wir nicht nach Indien schauen, ich habe das nur als eines der dramatischsten Beispiele genannt. Wir können durchaus in Österreich bleiben: Schauen Sie, was im Moment gemacht wird – und ich sage noch einmal: wir haben einen Krankheitserreger, der in 85 Prozent keine nennenswerte Krankheit macht und wo vielleicht 1-2 Prozent der Erkrankten auf Intensivstationen landen und zwischen 0,1 und 0,6 Prozent tödlich verlaufen, was sich also somit nicht unterscheidet von anderen Erregern wie beispielsweise der Influenza. Es werden Gastronomiebetriebe an die Wand gefahren, der ganze Tourismus leidet dramatisch, der Einzelhandel in vielen Bereichen steht vor der Vernichtung seiner Existenz. Das sind Kollateralschäden wirtschaftlicher Art.

Ethische Kollateralschäden: Wenn Sie schauen, was passiert in meinem unmittelbaren Bekanntenkreis, da durfte sich eine Frau von ihrem sterbenden Mann im Spital nicht verabschieden, weil sie Zugangsverbot gehabt hat.

Wie können wir noch in den Spiegel schauen, wenn wir Das wissen?

Es sind Kinder zutiefst traumatisiert, zum Teil durch die neuen Verhaltensvorgaben, die zum Teil auch rechtlich durchgesetzt werden. Es liegt mir ein Schreiben von deutschen Gesundheitsämtern vor, dass Kinder, wenn sie als Kranke nicht innerhalb des Haushaltes isoliert werden, eventuell der Familie entzogen werden und irgendwo hinkommen, bis sie nicht mehr ansteckend sind, sozusagen fremdversorgt werden!

Ich meine, wo wollen wir hier noch hin?

Wo ist die Menschlichkeit, wo ist die Empathie, wo ist unsere Überzeugung als Ärzte für das Wohl der Menschen verantwortlich zu seinund nicht irgendein überdimensional problematisches Virus zu jagen? Das verträgt sich einfach mit mir nicht und das bereitet mir auch schlaflose Nächte und das ist vielleicht auch der Motor sich hierfür einzusetzen und zu schauen, dass man diesen Tiefpunkt erreicht hat und dass wir endlich beginnen das Ganze rational zu betrachten und auf der Basis der vorliegenden Fakten.

Es wird ja jetzt schon wieder davon gesprochen: “Was ist mit einer zweiten Welle?” Es war nicht einmal eine echte erste Welle da! Was ist mit Schulbeginn? Wollen wir unsere Kinder wirklich weiter traumatisieren?

Das sind doch Fragen, die sich im Moment stellen und von den medizinischen Kollateralschäden habe ich noch gar nicht gesprochen.

Es gab ein Pressestatement von Minister Anschober, wo auf die verminderte Versorgung von Herzinfarkten und eine bis zum gewissen Maß verminderte Versorgung von Schlaganfällen eingegangen wurde, wo man schaut, ob das eventuell im Zusammenhang steht. Es sind weniger Unfälle gewesen, das ist ein positiver Faktor.

Aber was vollkommen unerwähnt geblieben ist, sind psychische Erkrankungen. Die psychischen, psychologischen und psychiatrischen Kollateralschäden sind überhaupt noch nicht messbar. Ich kann aus der Statistik der Feuerwehr in Berlin sagen, die Zahl der Sprünge vom Dach, Suizide aller Art hat um 62 Prozent zugenommen und wir haben das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht, weil im Moment noch Überbrückungshilfen, Überbrückungskredite, Zusatzzahlungen, Unterstützungszahlungen, Kurzarbeit usw. laufen. Das wird irgendwann ein Ende haben müssen, weil das Geld einfach überhaupt nicht mehr da ist und was passiert dann mit den Betrieben? Was passiert dann mit den Kindern?

Das sind Fragen, die aktuell unter den Nägeln brennen. Da müssen wir nicht auf die nächste Pandemie warten.

Drama, Drama, Drama

Lieber Herr Dr. Haditsch, ich spüre die Dringlichkeit Ihres Anliegens in ihrem Herzen pochen, das sage ich jetzt mal so poetisch. Ich spüre, dass Sie das wirklich sehr beschäftigt. Worüber wir noch gar nicht gesprochen haben, ist der Umgang mit dem Tod: Als würden sonst keine Menschen sterben, als wären wir unverletzlich, als würden wir ewig leben. Viele Dinge, die man eigentlich vernünftigerweise anders denkt, werden plötzlich zugespitzt auf Drama, Drama, Drama.

Meine Frage an Sie ist: Wie können denn die vernünftigen Stimmen gehört werden? Wen brauchen Sie als Partner, damit in unseren Gesellschaften in Deutschland, in Österreich, eigentlich in ganz Europa, in der ganzen Welt, dieser nötige öffentliche Diskurs wieder in die Gänge kommt und man dann vielleicht auch zu einem Umgang mit dem Virus kommt, der uns auch in den nächsten fünf Jahren noch leben lässt?

MH: Ich maße mir nicht an für eine so komplexe Thematik eine Lösung zu haben. Dafür reicht meine Kompetenz bei Weitem nicht aus. Aber ich denke mir, es gibt Leute, deren Aufgabe es ist, den Umfang eines solchen Infektionsgeschehens einigermaßen zu ermessen und auch zu sehen, in welche Bereiche die Problematik einfließt. Wo tun sich Fragen auf, die dringend zu lösen sind? Aus meiner Einschätzung sind es auf jeden Fall Ethiker, Ökonomen, Psychologen, Psychiater, der Pflegedienst und natürlich verschiedene medizinische Fachrichtungen, da gehören Virologen mit hinein, es gehören aber auch Epidemiologen mit hinein. In diesem Gremium könnte man versuchen diese Multivarianz, die in dieser Problematik steckt, einigermaßen zu klären.

Das, was aus meiner Sicht aber auf jeden Fall einen Paradigmenwechsel darstellen würde, ist sich bewusst zu machen, wie privilegiert wir in Österreich mit diesem Gesundheitssystem sind. Nicht immer alles krank zu reden, nicht immer eine Panik zu schüren, nicht immer an einzelnen Zahlen zu hängen. Ich meine, wir sind epidemiologisch im Grenzbereich des Messbaren und wenn ich ein paar dutzend Fälle dazubekomme, es gleich wieder helle Aufregung gibt, dann glaube ich, sollten wir mehr Gelassenheit an den Tag legen, weil das Schwankungen sind, die im vollkommen normalen Schwankungsbereich von Infektionskrankheiten liegen.

Ich glaube, dass sich die Presse und der freie Journalismus seine einzigartige Rolle, die sie in diesem Zusammenhang spielen, bewusst machen sollte. Ich appelliere auch an die Journalisten sich vorzustellen, wie die aktuellen Handlungsweisen, das Vorgehen, die Präsentation von Fakten und Scheinfakten in einem Abstand von 15 oder 20 Jahren gesehen werden und wie vielleicht manche kritischen Fragen, die dann die Kinder oder die Enkel an besagte Journalisten stellen werden, wie man sich dann rechtfertigen wird und wie man das beantworten wird.

Ich glaube, dem Journalismus, dem seriösen, sachbezogenen, kritischen Journalismus kommt in Sondersituationen – und ich sage nicht, dass das nicht eine Sondersituation ist – immer eine besondere Rolle zu. Sie sind das Aushängeschild der Demokratie. Freie Presse ist eines der wichtigsten Dinge, die wir in der Demokratie zu verteidigen haben und ich hoffe, dass sich das in den zukünftigen Darstellung auch wieder stärker widerspiegeln wird, als das in der jüngeren Vergangenheit der Fall war.

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